Clemens Lohmann:
Stürmische Zeiten. Fritzlar an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert und das Epitaph des Casbar von Breidenbach
Vortrag am 19. April 2026
Sehr geehrter Herr Pfarrer Prähler, sehr geehrte Gäste, sehr geehrte Mitglieder des Dombauvereins und des Geschichtsvereins! Der heutige Vortrag ergab sich aus einer Momentsituation; anlässlich einer Fortbildung für Domführer und Domführerinnen zeigte Herr Pfarrer Prähler u.a. archäologische Funde aus einer Domgrabung, die ich sofort erkannte, da ich sie mit ausgegraben hatte. Daraus ergab sich der Gedanke, die Funde im Rahmen eines Vortrags historisch einzuordnen.
Einleitung

Diese aquarellierte Tuschezeichnung von Alfred Yark aus dem Jahre 1828 zeigt den St. Petri- Dom von Norden; ein eindrucksvoller Blick auf das Gesamtensemble des Domes und die jahrhundertelange Prägung der Stadt Fritzlar durch das Christentum.
Dank des 800-jährigen Bestehens des Chorherrenstiftes St. Petri von 1005 – 1803 kann man in unserem Dom eine große Anzahl Grabsteine, Epitaphe und Grablegen entdecken und mit entsprechendem Kunstverstand bewundern. Die Monumente entstanden im Wesentlichen ab der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts bis in das beginnende 18. Jahrhundert.

Die Grabsteine waren im gesamten Dom verteilt, z. B. vor dem Altarraum. Dieses Gemälde von Hans Kohtiz aus dem Jahre 1895 zeigt den Aufgang zum Hochaltar, beginnend ungefähr im Bereich des heutigen Pfarraltars und zeigt den damals dort noch vorhandenen Lettner. Im Vordergrund ist deutlich eine Grablege zu sehen. Weitere Grablegen gab es in der westlichen Vorhalle, „Paradies“ genannt, heute sind Grabsteine an den Wänden aufgestellt. Und – mit einem eindeutigen Schwerpunkt – im Kreuzgang, u. z. auf beiden Seiten des Kreuzgangs im Boden eingelassen und dadurch davor geschützt „abgelaufen“ zu werden – ein „Schicksal“, das viele ereilte, weil sie mitten im Kreuzgang lagen. So konnten die Chorherren, Altaristen und Scholaster, die den Kreuzgang für ihre regelmäßigen Gebete nutzten, zwar die letzten Bitten ihrer verstorbenen Vorgänger, indem sie über sie hinweggingen, vor Gott tragen: memento mori und für deren Seelenheil Sorge trugen, aber denkmalpflegerisch gesehen war dies natürlich kontraproduktiv. Aufrecht stehende Grabsteine, wie der von Casbar von Breidenbach blieben mehr oder weniger gut erhalten, weil sie bis heute im Inneren aufgestellt sind und nicht der Witterung ausgesetzt sind, wie die fünf Grabdenkmäler außen an der Ostseite des Kreuzgangs, oder — vollkommen katastrophal — die Grabsteine an der nördlichen Umfassungsmauer des alten Friedhofs in der Gießener Straße.

Es ist insbesondere auch an Kleindenkmäler zu denken, wie z.B. der verwaschene St. Martin an der Ecke Kasseler Straße/Allee, das nicht mehr von Laien erkennbare Mainzer Rad in der südlichen Barbakane des Wintertores oder die Stele mit vierzeiliger Inschrift zwischen Hospitalsbrücke und Umfassungsmauer der Hl. Geist-Kapelle.

Die wissenschaftliche Erfassung der allermeisten Fritzlarer Grabdenkmäler und Inschriften verdanken wir C. Alhard von Drach, Die Bau-und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Bd. II, Kreis Fritzlar aber vor allem Theodor Niederquell, der auch am Fritzlarer König-Heinrich-Gymnasium unterrichtete. Erlauben sie mir kurz einige biographische Details zu seiner Person. Er entstammte einer wohlhabenden Familie in Korbach, geboren 1929. Nach seiner Fritzlarer Zeit war er Lateinlehrer am Goethe-Gymnasium in Frankfurt. Er ging dann an die gleichnamige Uni Frankfurt, Bereich Lehrerfortbildung als Dozent. Er trug sehr theatralisch vor und war der Meinung, man müsse sprachlich überspitzen, damit bei den Schülern bzw. Studenten wenigstens etwas hängenbleibe. Er war – wie mein Großvater – preußisch sparsam und benutzte auch die freie Rückseite von bedruckten Blättern. Er korrespondierte leider fast immer ohne Durchschlag, was sich auf seinen schriftlichen Nachlass negativ auswirkte. Schon als Lehrer hatte er den Tick, alles was auf dem Lehrerpult lag oder stand – egal was – aus dem Fenster zu werfen und wenn es der Adventskranz war. Die Schüler machten sich einen Spaß daraus, absichtlich etwas auf den Lehrerpult zu legen. Sie sehen also „ Die Feuerzangenbowle“ mit ihren spezifischen Charakteren ist nicht ganz unrealistisch. Niederquell litt später an Parkinson und starb 2004 im Alter von 75 Jahren in einem Frankfurter Altenheim. Er hat sich übrigens noch ein zweites Mal erfolgreich für Fritzlar eingesetzt, das ja nicht seine Heimatstadt war, als er in Fortsetzung von Karl E. Demandts Werk über das Chorherrenstift St. Petri eine Studie über die Kanoniker des St. Peters Stiftes von 1519 bis 1803 folgen ließ. Seine akribische Dokumentation „ Die Inschriften der Stadt Fritzlar“– abgeschlossen 1970 – wurde sogar in die bedeutende Reihe „Die Deutschen Inschriften“, hrsg. v. versch. wissenschaftlichen Akademien, wie z. B. Mainz und Wien, aufgenommen und verzeichnet somit Kunstdenkmäler, von denen so manches den Lauf der Zeit nicht überstanden hat, wie ich es Ihnen eben dargelegt habe.
Das Epitaph des Casbar von Breidenbach

Diese Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Jahr 1958 zeigt die ‚Heilige Ecke‘ mit Eingang zum Kreuzgang. Betritt man von der Heiligen Ecke aus den Kreuzgang, gelangt geradeaus in den Grashof.

Rechts des Eingangs zum Grashof ist das Epitaph des von Breidenbach zu sehen, womit belegt ist, dass das Epitaph zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr rechts oder links vom Eingang zur heutigen Wochensakristei stand. Die Versetzung erfolgte wahrscheinlich 1875, als der Kreuzgang unter Dechant Wilhelm Kreisler bereits einmal einer „Umgestaltung“ unterzogen wurde. Ein historischer Blick nach links in den Kreuzgang:

Rechts gelangt man in den Dom. Bekanntermaßen muss man zwei Türen etwas umständlich nacheinander öffnen. Vor 1900 betrat man zwischen diesen beiden Türen das „sacellum coci“ und danach die „capellam coci“ und war dann im Dom. „Sacer“ bedeutet „heilig“, „sacellum“ so etwas wie „kleines Heiliges“. Man muss sich in den beiden Nischen rechts/links z.B. kleine Altäre vorstellen oder Heiligenfiguren, jedenfalls etwas „Heiliges“, vor dem man sich bekreuzigte, bevor man wiederum aus dem Dom kommend den Kreuzgang betrat. Der Begriff „coci“ leitet sich vom lat. Wort „cocus“ – Koch ab. Die Coci-Kapelle ist also die „Kapelle der Köche“. Oft stifteten Zünfte und Bruderschaften an Stiftskirchen wie dem St. Petri-Dom Kapellen, die ihrer Zunft als geistiger Mittelpunkt für Gottesdienste, Totengedenken und Versammlungen dienten. Es ist jetzt nur eine Vermutung meinerseits: Ich habe die Bezeichnung „Heilige Ecke“ seit Kindesbeinen an auf die Figur des Heiligen Bonifatius bezogen – vielleicht tun Sie dies auch. Aber möglicherweise ist dies seit über 120 Jahren mündlich überlieferte Fritzlarer Tradition, denn man gelangte in die Heilige Krypta, in den Heiligen Dom, in den Heiligen Kreuzgang mit seinen Kreuzwegstationen und in die „capellam coci“ . Zurück zum Epitaph, das der später noch zu erwähnende Alhard von Drach neben der ehemaligen Coci-Kapelle stehend verortete. Das Epitaph unterscheidet sich von den religiösen Grabdenkmälern (also denen von Stiftsherren) und auch von weltlichen Grabdenkmälern, wie z.B. dem Epitaph der Bürgerlichen Anna Wiegand, dadurch, dass ein Militär dargestellt ist. Das ist nicht ungewöhnlich – Beispiele für Ritter im Harnisch und mit Degen finden sich auch in anderen Kirchen, wie der Martinskirche in Kassel. Militär und Krieg waren für die Menschen Alltagserscheinungen und daher auch die Darstellung eines Rittmeisters in einer Kirche normal. Um es polemisch zu formulieren: Pazifismus ist eine Erfindung von Bertha von Suttner „Die Waffen nieder“, aber nicht des 17. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die jeweiligen Kriegsgegner ihre Kanonen segnen ließen und glaubten Jesus Christus, also Gott, würde sich für eine der beiden Seiten entscheiden; ein Irrglaube, dem man bis in das 20. Jahrhundert anhing. Aber zurück zum Epitaph.
Der oben schon erwähnte Theodor Niederquell beschreibt das Grabdenkmal wissenschaftlich nüchtern:
„Wandepitaph des Kaspar von Breidenbach gen. Breidenstein. Im Ostteil des Kreuzgangs an der Wand. In der Mittelzone steht der geharnischte Ritter. Grauer Sandstein. Zwei Wappen flankieren die Inschrift auf dem oberen Sims, zwei weitere Wappen auf den Basen der die Mittelzone einrahmenden Säulen sind unausgeführt. Das Denkmal ist auch sonst unvollendet, die Bekrönung fehlt. Durch die Inschrift läuft ein roh verschmierter Riss, die Zeilenenden sind abgeblättert. Früher stand das Epitaph an der Wand nahe dem Eingang vor der unteren Sakristei.“
Gemeint ist die heutige Wochensakristei, im Gegensatz zur Sonntagssakristei, die den Gottesdiensten am Hochaltar diente. Niederquell stellt also fest, dass Zeilenenden – Stand 1970 – bereits abgeblättert seien.

Diese Feststellung betrifft, beim heutigen Blick auf das Grabdenkmal, eigentlich nur die Buchstaben der letzten Zeile. Die anderen Zeilenenden sind auch ein wenig „abgewaschen“, aber gerade noch entzifferbar. Zum Glück für Niederquell und uns Heutige konnte er auf das Grundlagenwerk des Bezirkskonservators Alhard von Drach: Die Bau-und Kunstdenkmäler im Reg.-Bezirk Cassel, Bd.II, Kreis Fritzlar aus dem Jahre 1909 zurückgreifen, in dem dieser die Umschrift noch vollständig lesen und überliefern konnte. Die Inschrift lautet:
„Anno 1606 Die 24 JanuariJ ist der gestrenger Edler und vester Caspar von Breidenbach genant Breidenstein Chvrf Meintzisc Her Ritmeister in Gott selig verstorben dem Got genade.“
Die Formulierung „in Gott selig verstorben“ bedeutet, er starb eines natürlichen Todes, ist also nicht im Kampf umgekommen. Gestreng, vester und Edler sind typische Prädikate für einen Adligen ritterlichen Standes jener Zeit. Das Adjektiv „vester“ ist im Sinne von „treu“ zu verstehen.

Das Epitaph gilt in der Literatur als bedeutendes Monument der Renaissance (ca. 1400 bis 1600) im Fritzlarer St. Petri Dom. Typisch für die Renaissance war die Rückbesinnung auf die Antike, hier zu erkennen an einer Nachbildung eines antik anmutenden kleinen Tempels mit verzierten seitlichen Pilastern als Rahmen, die quasi das Gebälk mit der Inschrift zu stützen scheinen.
Casbar von Breidenbach ist als aufrechter christlicher Ritter dargestellt mit Schossreifen an den Oberschenkeln und dem Stab des Rittmeisters in der rechten Hand. Der Visierhelm zu seinen Füßen macht deutlich, dass sein irdischer Kampf beendet ist und er nun durch seinen Tod in den Ewigen Frieden übertritt.
Von Drach identifizierte das von Breidenbach‘sche Epitaph als Arbeit eines Fritzlarer Steinmetzen bzw. Steinmetzbetriebes. Er versah zwar seine Aussage mit einem Fragezeichen, setzte es aber gleichzeitig stilistisch mit dem Monument des Kantors Georg Schwalenberg in Bezug, das den Steinmetzen auf der Höhe seines Könnens zeige. Dieses Monument befindet sich heute im Paradies, obwohl von Schwalenberg testamentarisch verfügt hatte, unmittelbar am Eingang zur Allerheiligenkapelle beigesetzt zu werden und sein Grabstein dort auch aufzustellen sei. Die von Niederquell und von v. Drach erwähnten Wappen zeigen einmal das Wappen derer von Breidenbach und von Wildungen. Es handelt sich bei dem Wappen derer von Wildungen um das Rittergeschlecht, nicht um die Fritzlarer Patrizierfamilie. Casbar von Breidenbach entstammte dem alten hessischen Adelsgeschlecht von Breidenbach, das weit verbreiteten Güterbesitz hatte, u.a. bei Melsungen, möglicherweise auch bei Fritzlar, aber vor allem im Hinterland (Marburg-Biedenkopf), wo er über ein geschlossenes Herrschaftsgebiet verfügte. Er war verheiratet mit Agnes von Schwalbach. Ihr Geburtsdatum ist unbekannt, belegt ist nur, dass sie 1616 noch lebte. Das Ehepaar hatte zwei Töchter, aber keinen Sohn. Ein Problem, wie gleich aufzuzeigen sein wird. Die Familie erlosch somit im Mannesstamm um 1640, also während des 30jährigen Krieges. Tochter Anna Maria war verheiratet mit Hartmann Schutzbar gen. Milchling, Tochter Elisabeth war verheiratet mit Hermann Schenck zu Schweinsberg. Über die Person des Casbar von Breidenbach ist nur sein Todesdatum bekannt. Seine Berufsbezeichnung „Rittmeister“ sagt aus, dass er wahrscheinlich Kommandeur einer berittenen mainzischen Einheit (Eskadron – etwa 150 Mann) war. Nach dem Tod ihres Schwiegervaters verklagten die Schwiegersöhne ihre Schwiegermutter und weitere Breidenbachs auf Herausgabe des Erbes oder zumindest eines nicht unerheblichen Teiles. Das rechtliche Problem, das dann über Jahre vor dem Reichskammergericht in Wetzlar verhandelt wurde, ging vor allem darum, ob die Lehen des Caspar v. Breidenbach „Mannlehen“ waren und damit nur an Männer vererbbar waren oder „Erblehen“ waren, d.h. auch an Töchter vererbt werden konnten. Leider ist nicht mehr über die Familie von Breidenbach zu erfahren, ohne aufwendig Archive zu konsultieren.
Die archäologische Grabung im St. Petri-Dom 1977
In den Jahren 1965 – 1980 erfolgten im St. Petri-Dom und um ihn herum zahlreiche archäologische Unternehmungen, wie die großflächige Grabung von 1970 im gesamten Mittelschiff und dem Altarraum, bei der möglichst die Bauphasen von der bonifatianischen Steinkirche bis zur Stiftskirche von 1180 identifiziert werden sollten.


Bis heute fehlt leider ein ausführlicher Grabungsbericht. Weitere archäologische Untersuchungen fanden nördlich und südlich des heutigen Stiftssaalgebäudes statt. In dieser Zeitspanne erfolgten auch viele das heutige Bild des Inneren des Domes prägende Veränderungen, wie z. B. die Neugestaltung im Bereich des Pfarraltars.

Zu nennen sind ebenfalls die Versetzung des Wigbertgrabes in die Mitte der Hauptkrypta, die umfangreichen Renovierungsarbeiten 1971 im Kreuzgang und der Umbau der unteren Stiftsgebäude (Stiftssaal) zum Dommuseum mit Domschatz. Hinzu kam die Neueinrichtung der wertvollen Stiftsbibliothek. Alle Maßnahmen – es ist jetzt nicht der Ort, auf sie näher einzugehen – erfolgten vor dem historischen Hintergrund der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils und der 1250-Jahrfeier der Stadt Fritzlar 1974. Bauaufsichtlich federführend war Prof. Dr. Dr. Ludwig Pralle, damals Leiter des bischöflichen Bauamtes in Fulda und vor Ort ab 1968 Dechant Ludwig Vogel. Sein Engagement zum Wohle der Sache sollte nicht unterschätzt werden. Die Schäfchen seiner Pfarrei reimten zwar gern: „Ist im Dom niemand da, ist der Dechant in Fatima!“, aber letztlich wussten sie, was sie an ihm hatten. Das gleiche trifft für die Stadt Fritzlar zu, die Ludwig Vogel die Ehrenbürgerwürde verlieh. Eine der letzten Unternehmungen, die unter Dechant Vogel, immer in Zusammenarbeit mit seinem hochmotivierten Domküster Alfred Matthäi, vorgenommen wurden, waren Umbau und Renovierung der Wochensakristei im Jahre 1977. Um vor Überraschungen und dann sehr wahrscheinlich folgenden archäologischen Grabungen sicher zu sein (siehe eben oben dargelegt), sollte man im St. Petri-Dom zu Fritzlar nicht ohne Not auch nur eine Bodenplatte anheben. Aber in Sachen Sakristei-Grabung verhielt sich die Lage differenzierter, da es nicht nur um die Anhebung einer einzelnen Bodenplatte gehen würde, sondern um einen größeren Schnitt in die Tiefe. Nachdem offizielle Stellen, wie die Landesarchäologie, Außenstelle Marburg oder der Landeskonservator in Wiesbaden die Anfragen des Leiters des Museums Hochzeithaus, Egon Schaberick, auf Untersuchungen, wohl aus Geld oder Personalmangel negativ beschieden, beauftragte man, in Abstimmung mit der katholischen Kirche, den aus Fritzlar stammenden Studenten der Archäologie Johann-Henrich Schotten, der bereits über jahrelange Erfahrung als Ausgräber verfügte, u.a. auf dem Büraberg und später seinen Doktortitel erhielt, eine archäologische Untersuchung im vorderen westlichen Bereich der Sakristei durchzuführen, da an der Nordwand – wie heute noch vorhanden – eine Nasszelle mit den dafür nötigen Kanalanschlüssen eingebaut werden sollte. Eine archäologische Untersuchung hatte auch den praktischen Vorteil, vor Abschluss der Renovierung der Sakristei in die Tiefe gehen zu können, was wahrscheinlich auf Jahrzehnte nicht mehr möglich sein würde. Eine Sensation wäre es gewesen, einen Beweis für eine in der Literatur vermutete Südkrypta zu finden. Herr Schotten suchte sich in seinem Freundeskreis eine Helfergruppe zusammen, bestehend aus den Studenten Klaus Heer, Michael Matthias, Hubert Triebfürst, dem Bauschlosser Michael Zienkiewicz und meiner Wenigkeit.

Die Grabung dauerte vom 28.2. – 12.3. 1977. Natürlich berichtete auch die örtliche Presse, die damalige Fritzlar-Homberger Allgemeine, ausführlich. Der damalige Redakteur Hans Heintel war an der Fritzlarer Geschichte hoch interessiert, war doch für ihn als Vertriebenen aus dem Sudetenland, Fr itzlar zu seiner zweiten Heimat geworden.


Für mich, den Verfasser, war es eine völlig neue Erfahrung, historisch interessiert , Bücher lesend und nun ein völlig anderes Metier: buddeln, Quellen erstmals finden und erfassen. Der Grabungsschnitt verlief in der vorderen Sakristei von Süd nach Nord. Natürlich musste der Abraum herausgeschafft werden. Je tiefer der Schnitt, umso mehr volle Schubkarren. In diesem Zusammenhang muss eine schöne Anekdote erzählt werden: Die äußere Sakristeitür, datiert 1693, geht nach außen auf, die zweite Tür öffnet sich nach innen. Je weiter der Schnitt nach Norden voran ging, umso umständlicher wurde es – es war eine Bohle gelegt, auf der die Schubkarre stand – diese Schubkarre mit der Schaufel zu erreichen, ohne einen Teil des Abraums daneben zu kippen. Oben schon erwähnter M.Z. – er war von Beruf Bauschlosser und etwas später zu unserem Team dazu gestoßen – rief, als er das sah: Was macht ihr denn da, viel zu umständlich! Er packte die Tür und mit einem Ruck war sie aus den Angeln gehoben – wahrscheinlich das erste Mal, seitdem sie eingesetzt worden war –, stellte sie zur Seite und sagte: „Jetzt könnt ihr schaufeln.“ Er war eben Praktiker gegenüber uns Studenten. Amüsant war auch das Bemühen von Grabungsleiter Johann Henrich Schotten, Domküster Alfred Matthäi herbeizurufen. Er zog heftig an der kleinen Glocke, die uns katholischen Christen das Signal zum Beginn des Gottesdienstes gibt. Ich erklärte ihm schnell die eigentliche Funktion und dass man damit nicht den Domküster ruft, der irgendwo in der Kirche unterwegs sei.
Wir fanden bei der Ausgrabung zahlreiche sterbliche Überreste, zum Teil sogar sorgfältig aufgestapelt, was auf eine sekundäre Bestattung schließen ließ.


Der Verfasser beim Graben im Schnitt sowie ein Schädel als Fundobjekt. Beide Fotos Privatbesitz
Alle ausgegrabenen und geborgenen Relikte menschlichen Lebens wurden in das Ossarium eingebracht. Wir gruben zwar nicht die gesamte Südkrypta aus, trotzdem war uns eine kleine Sensation vergönnt. Ich zitiere aus dem von Grabungsleiter Johann-Henrich Schotten verfassten Grabungsbericht, S.9:
„Im Bereich 3,40 bis 4,00 Nord und 1,35 bis 3,10 Ost, 160 m tief lag die Bestattung eines
Mannes leicht nach OSO (auch durch postmortale Bewegungen möglich) ausgerichtet. Der
Kopf befand sich bei 3,90 m N und 1,70 m O in einer Tiefe von1,55 m; das Gesicht nach S
gewendet. 2/3 des Schädels konnten geborgen werden. Auf der Brust des Toten fand sich der
Griff eines 1,25 m langen Degens, dessen Spitze sich beim linken Fuß befand. Die Handhabe
selber war mit dem kugelförmigen Knauf zusammen 15 cm lang. Vom Knauf ging ein
dreistabiger Fangkorb zur Parierstange, die selber eine Länge von 10 cm aufweist. Die Klinge
steckt noch in der Scheide, diese besteht aus Leder, das im oberen Teil innen mit dünnem
Holz versteift wurde. Die kunstvolle Wickelung der Handhabe scheint aus Silberdraht oder
versilbertem Draht zu bestehen. Einige kleine goldene Ringe sind auf die Parierstange
aufgeschoben. Initialen oder eine Stempelung konnten bislang nicht festgestellt werden.
Aufgrund der Verfärbungen im Skelettbereich unter dem Degen bis 1,65 cm Tiefe konnte
geschlossen werden, dass der Bestattete ein Lederwams mit Krausenkragen getragen hat.
Das Lederwams wurde durch mindestens 6 facettierte Glasknöpfe geschlossen. 13 cm der
Knopfleiste mit 5 Knöpfen, die in Bronze gefasst umgeschlagene Ösen aufweisen konnten mit
stark zerfallenen Leder geborgen werden. Besser erhalten waren Absatz und Brandsohle
eines Stiefels… Lederreste an den Beinen lassen den Schluss zu, dass bei der Beerdigung der
Tote hohe Lederstiefel getragen hat. Die Form der Knöpfe und der Degen weisen in die Zeit
vom Ende des 16. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts. Beim Vergleich mit existierenden
Grabsteinen, die früher im Bereich der Falkenberger Kapelle lagen … fiel der Grabstein des
„Kasbar von Breidenbach genannt Breidenstein“ auf. Dieser kurmainzische Rittmeister ist mit
ebeneinem solchen Degen ausgerüstet.“

| 1. Reste einer Samtjacke mit Knopfleiste (Knöpfe aus Kristall) |
| 2. Zierdegen |
| 3. Reste von Schaftstiefeln |
| 4. Spuren des Totenbrettes [sic] |
Grablege Kasbar von Breidenbach, gen. Breitenstein (†1609), Zeichnung von Grabungsleiter Johann-Henrich Schotten mit der archäologischen Fundsituation der sterblichen Überreste von Caspar v. Breitenbach; Q: Stadtarchiv / Bildarchiv Fritzlar



Abb. oben: Degen, Reste von Schuhsohlen und Lederwams sowie Knöpfe aus Kristall; Fotos: Dagmar Lohmann
Diese archäologischen Grabungsergebnisse wurden bis zur Neugestaltung von Kreuzgang und Dommuseum durch eine eigene Vitrine gewürdigt. Wir alle bekamen eine Bescheinigung über unsere Grabungsteilnahme ausgestellt, die für mich z.B. kurze Zeit später von großem Nutzen war, erleichterte sie mir doch meine Anstellung bei der archäologischen Grabung an der Deutschordenskommende in Göttingen erheblich und Dechant Vogel lud uns zum Abschluss der Grabung noch zu einem Abendessen in das Hotel Nägel ein. Es war ein wunderschöner, gemütlicher Abend und er bekannte später einmal, dass ihm das Brevier-Beten doch ein bisschen schwergefallen sei.
Fritzlar zur Zeit des Casbar von Breidenbach
Casbar von Breidenbach starb, wie wir wissen, 1606 in einer Zeit der Umwälzungen und großer Unsicherheiten. Wir sind nicht nur kunstgeschichtlich in der Epoche der Renaissance, sondern auch in einer Ära massiver religiöser Gegensätze, die das gesellschaftliche und politische Leben entscheidend prägten, dem Zeitalter der Glaubensspaltung, der Reformation. Ein politisches, wirtschaftliches und soziales Gesamtbild Fritzlars für die zweite Hälfte des 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zu zeichnen ist nicht ganz einfach, da sich die wissenschaftliche Erforschung der Geschichte Fritzlars schwerpunktmäßig mit dem Mittelalter befasst. Viele Quellen für den Zeitabschnitt nach 1500 /1600 sind noch unerschlossen, wie z.B. die Rats – oder die Gerichtsprotokolle des 17. Jahrhunderts. Zurückgreifen kann man auf zwei Monographien, nämlich auf Carl Nicolaus Bernhard Falckenheiners Geschichte Fritzlars von 1841 und auf Dechant Wilhelm Jestädts Festschrift zur Geschichte Fritzlars von 1924 sowie als Einzelstudie auf die Dissertation von Sven Hilbert „Fritzlar im Zeitalter der Reformation und der Konfessionierung. Ich muss jetzt historisch ein wenig ausholen und hoffe Sie nicht zu langweilen – aber sonst wird die Sache für Sie nicht plausibel. Um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert war Fritzlar nur noch eine halbwegs prosperierende Stadt, im historischen Rückblick eine Stadt in der Krise. Sie hatte eine städtische Verfassung mit Bürgermeister und Rat, zahlreiche Zünfte und die Michaelsbrüder mit ihren weit ausgedehnten Handelsbeziehungen bis nach Flandern und nach Nowgorod in Russland. Sie war stark befestigt und hatte den Beinamen „urbs turritica“, turmreiche Stadt. Sie hatte geschätzt um die 2000 Einwohner.

Diese Radierung von Georg Braun und Franz Hogenberg aus dem Jahr 1576 gilt als älteste, die Wirklichkeit darstellende Gesamtansicht von Fritzlar. Die Dächer der Kirchen, Türme und öffentlichen Gebäude sind blau koloriert, da sie steiler als die Dächer der Privathäuser und mit Schiefer gedeckt waren. Q: Liebenswertes Fritzlar, S. 22 und 23f.
Inzwischen spürten die Stadt und auch das Stift die Folgen des Jahres 1427. In diesem Jahr hatten die Mainzer Erzbischöfe zwei Schlachten verloren, einmal bei Kleinenglis und eine zweite bei Fulda. Im Zusammenhang mit der Schlacht bei Kleinenglis wurde auch das Dorf Holzheim zerstört und verkam zur Wüstung. Erst die Ausgrabungen in den 1980er und 1990er Jahren förderten eine Sensation zutage, u.a. den Deckel eines „Reliquienkästchens“, heute leider im Zuge der Neukonzeption des Dommuseums im Depot verschwunden. Danach waren die Mainzer Erzbischöfe militärisch und politisch so geschwächt, dass sie ihre territorialen Ambitionen aufgaben. Für Fritzlar bedeutete dies nunmehr komplett von landgräflich-hessischem Territorium umgeben zu sein, ohne reelle Chance, aus dieser Umklammerung auf absehbare Zeit wieder herauszukommen. Das Gefühl, sozusagen eingekesselt zu sein, verdeutlicht baulich das Fritzlarer Wartensystem. Das Erzbistum Mainz war auch reichspolitisch in einer Schwächeposition, weil chronisch defizitär. So mussten allein zwischen 1484 und 1514 auf Grund rascher Todesfolge drei Pontifikatswechsel finanziert werden. Folge der Finanznot waren drastische Steuererhöhungen in den zu Mainz gehörenden Territorien sowie stark steigende Wein-und Marktabgaben. Vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage begann die Reformation, das Zeitalter der Glaubensspaltung, polemisch ausgedrückt die Zeit des lutherischen Lärms und der Lutherböcke; die andere Seite sprach von den Papisten und der papistischen Finsternis. Folgt man Heinz Stoob vom Institut für vergleichende Stadtgeschichte im westfälischen Münster und seinem Beitrag über Fritzlar für den deutschen Städteatlas, hatte die Stadt als mainzische Enklave eigentlich eine antihessische Bürgerschaft. Auf der anderen Seite trug sie aber schwer an dem „ewigen“ Dauerkonflikt mit dem St. Petri-Stift um Steuern, Abgaben, Waidrechte, oder der Beteiligung an Verteidigungskosten. Stoob sieht einen Zusammenhang zwischen diesem Dauerkonflikt bzw. dem ökonomischen Druck und dem frühen Übergreifen der Reformation bereits ab 1522 in die Stadt. Die ersten übrigens, die unter dem Ansturm der neuen Zeit zusammenbrachen, waren die Klostergemeinschaften der Augustinerinnen und der Franziskaner. Noch vor 1547 bekannten sich alle Zünfte und ein Großteil der Bürgerschaft zum neuen Glauben. Die mainzische Schwäche ausnutzend, besetzten die hessischen Landgrafen 1552 überraschend die Stadt – wohl im Einvernehmen mit der überwiegend protestantischen Bürgerschaft. Die Folgen der Besetzung für das Stift beschreibt Dechant Jestädt folgendermaßen:
„Die Stiftsherren wurden unter die Linden am Friedhof befohlen (Erklären der Lage des Friedhofs), wo ihnen eröffnet wurde, dass der katholische Gottesdienst im Dom aufzuhören habe und das gesamte Stiftsvermögen zu inventarisieren sei…“
Und weiter: „ Eine besondere Verfügung war an das Stift ergangen, die alle Stiftsgeistlichen unter Strafen zu strengem Gehorsam gegen den Superintendenten verpflichtete. Vor allem hatten sie seine Predigten zu hören unter Androhung des Verlustes ihrer Präbende. Es wurde ein Aufseher über sie bestellt, der alle ihre Verstöße gegen die hessische Kirchenordnung zur Anzeige und Bestrafung bringen sollte. Frei gewordene Stiftsstellen sollten nicht mehr vom Stift besetzt, sondern in die Hände des Landgrafen gelegt werden, der deren Einkünfte zu anderweitigen guten Zwecken verwenden würde.“
Im Zuge des Augsburger Religionsfriedens 1555, der den Grundsatz festlegte, dass sich die Landeskinder nach der Religionszugehörigkeit des Landesherrn zu richten haben, mussten die Hessen aus der territorial zu Mainz gehörenden Stadt wieder abziehen, hinterließen aber eine im Protestantismus erstarkte Bürgerschaft. Das Stift verblieb beim katholischen Glauben. Der oben erwähnte Grundsatz bedeutete natürlich, wer sich nicht unterwarf, musste das Heimatland verlassen, es wurde ihm das „benefizium emigrationis“ gewährt, ein reiner Euphemismus. Zu allem inneren und religiösen Streit und Zwist kamen zwei Pestzüge hinzu, 1558 und 1569. Hatte man die Pestverluste von 1356 – 1358 und von 1483 noch demographisch ausgleichen können, so gelang dies jetzt nicht mehr. Die Stadt verlor an biologischer Kraft. Noch war sie wohlhabend und konnte es sich leisten, auf dem Marktpatz 1564 einen großen Zierbrunnen, den Rolandsbrunnen, zu errichten, genau 100 Jahre nach der Vereinigung der bis dahin selbständigen Neustadt mit der Altstadt und baute ab 1580 auf den Grundmauern des Hainer Hofes ein mehrstöckiges Fachwerkhaus – noch heute der größte erhaltene Fachwerkbau Nordhessens – rein zur Belustigung der Bürger, nämlich zur Feier bürgerlicher Feste, wie z.B. der Hochzeit, der Taufe, öffentlicher Aufzüge. Kostenpunkt: 3300 Thaler. Trotz dieser Repräsentationsbauten stelle ich mir Fritzlar in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und zu Beginn des 17. Jahrhunderts als eine Stadt im Zustand dauernder Anspannung vor. Der religiöse Kampf war noch nicht entschieden. Nach dem Rückzug der Hessen 1555 dürfte von Mainzischer Seite dafür gesorgt worden sein, dass die Verwaltung zumindest mehrheitlich wieder in katholische Hand kam. Diese Mehrheit verfügte im Jahr 1560 die Ausweisung des ev. Predigers Jost Runcke aus der Stadt, was wiederum zu Protesten der Fritzlarer führte, die nur durch das Erscheinen von mainzischen Truppen im Januar 1561, 200 Berittene und 300 Fußsoldaten, beendet werden konnten. Während in den folgenden Jahren unter Erzbischof Daniel die Bälle sozusagen relativ flach gehalten wurden, entbrannten sie 1582 unter seinem Nachfolger Konrad erneut heftig. Das Erzbistum verlangte die Ausweisung des protestantischen Predigers an der Hospitalskirche, die Unterbindung von Gottesdiensten in der Fraumünsterkirche 1589, das Verbot der Spendung von Sakramenten durch protestantische Prediger 1590. Erneut kam es zu Unruhen, die sich vor allem gegen das Stift als Vertreter des mainzischen Erzbischofs vor Ort richteten. 1596 drang man sogar in die Wohnungen der Stiftsherren ein und nahm sie gefangen. Zu einem Kulminationspunkt des Streites wurde die oben bereits erwähnte Fraumünsterkirche.

Die Kirche Fraumünster geriet in den Strudel der Ereignisse, weil die Rechtslage nicht eindeutig, ja eher verworren war – eine möglicherweise in Deutschland einmalige Situation. Die Dinge lagen z. B. anders als im Fall Geismar. Während Geismar von Anfang an ein eindeutig landgräfliches Dorf war und gegen die Einsetzung protestantischer Pfarrer von mainzischer Seite kaum etwas unternommen werden konnte, stand Fraumünster jedoch spätestens seit dem Bau der Obermöllricher Warte und dem Erwerb der um sie liegenden Ländereien, den sog. Unrödern – heute Roter Rain – 1379 durch die Stadt Fritzlar eindeutig auf Fritzlarer und daher mainzischem Territorium. Die Kirche als solche war aber von alters her nach Obermöllrich eingepfarrt und Begräbnisplatz für die Bewohner Obermöllrichs. Jahrhundertelang spielten die territoriale Zugehörigkeit und die Pfarrrechte keine Rolle. Aber mit Beginn der Glaubensspaltung veränderte sich die Situation komplett und das landgräflich-hessische Dorf Obermöllrich war nunmehr obendrein noch protestantisch. Da sich beide Seiten im Recht fühlten – für die Landgrafen war die Kirche protestantisch, das Gebiet auf dem sie steht, für die Mainzer Erzbischöfe katholisch, unternahmen sie alles, um die eigene Rechtsposition durchzusetzen bzw. zu wahren. Der protestantische Prediger Jost Runcke hatte nach seiner Ausweisung aus Fritzlar ein noch bewohnbares Küsterhäuschen bezogen – die Kirche war baufällig – und predigte dort den neuen Glauben. Jost Runcke, wohl aus einfachen Verhältnissen stammend, muss ein „Zugpferd“ für die evangelische Sache gewesen sein, ein wortmächtiger Prediger, denn zu ihm strömten die Fritzlarer, die sich zum neuen Glauben bekannten. Der Kleinkrieg, der zwischen 1540 und 1640 um Fraumünster und die jeweilige Rechtsposition entbrannte, wurde von den Kontrahenten entweder auf schriftlichem Wege durch Beschwerden und Klagen geführt oder durch handgreifliche Aktionen vor Ort. Um die Fritzlarer daran zu hindern, nach Fraumünster zu ziehen, ließ der Mainzer Erzbischof am Sonntag gewaltsam die Stadttore schließen. Da das Stift die Besoldung Runckes und seiner Nachfolger im Amt verweigerte, zog der hessische Landgraf Stiftszehnte von Kirchen in seiner Landgrafschaft ein, die nunmehr protestantisch waren, eine Vorgehensweise, die die hessischen Landgrafen mit ihrem Übertritt zum Protestantismus in Homberg/Efze 1526 sukzessive überall angewandt haben, um ihre Pfarrer zu besolden bis hin zur Einziehung ganzer Klöster, wie z. B. Haina, auch um ihre neu gegründete Universität in Marburg finanzieren zu können. Dass dem Fritzlarer St. Petri-Stift durch den Wegfall ihrer Zehntrechte erhebliche finanzielle Nachteile entstanden, liegt auf der Hand. Trotzdem war die Finanzsituation des Stiftes noch nicht völlig desaströs. So wurde im Dom zwischen 1587 und 1590 eine große neue Orgel durch den aus Fulda stammenden Orgelbauer Cumpenius erbaut, ein überregional herausragendes Instrument, dessen weitgehende Zerstörung gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch Unfähigkeit geschah. Schlugen jedenfalls mainzische Truppen an der Kirche Fraumünster das Mainzer Rad an, so erschien im Auftrag des hessischen Landgrafen der Gudensberger Amtmann mit Bewaffneten, schlug es wieder ab und brachte das hessische Wappen, den Löwen, an. Die Jesuiten unternahmen mit ihren Schülern und Fritzlarer Bürgern eine Prozession nach Fraumünster, gingen unter Gesängen dreimal um die Kirche und forderten die Herausgabe der Kirchenschlüssel. Der hessische Landgraf drohte, die Wiederholung einer derartigen Provokation durch ein Aufgebot hessischer Bauern gewaltsam zu beenden. Die Abhaltung der Gottesdienste wurde gestört durch Lärmen, Rennen gegen die Tür und Erscheinen von Bewaffneten. Landgräfliche Truppen wiederum eskortierten protestantische Kirchgänger von Fraumünster bis vor Fritzlars Tore, also eindeutig auf mainzisches Gebiet, und ihr Kommandant drohte, würde man die Bürger bestrafen, würde er sie mit bewaffneter Hand befreien. Würde man sie mit fünf Gulden Strafe belegen, so würde er sich an Fritzlarer Bürgern in seinem Amt – also protestantischen Glaubensflüchtlingen – mit zehn Gulden Strafe rächen. Gegen diese Drohungen und die Verletzung der territorialen Integrität mainzischen Gebietes protestierte der Mainzer Erzbischof wiederum schriftlich beim Landgrafen. Die Zeiten waren insgesamt so unruhig, dass sogar eine quasi Amtsperson, wie ein Nachtwächter, nämlich der Nachtwächter Johannes Franke 1603 erstochen wurde und zwar von einem Stiftsherrn namens Jodokus Jude, wie das Memorialbuch der Stadt unter dem 16. Juli 1603 vermerkt:

Anno 1603Den 16. Juni ist von … Canonicus des Stifts S. Petri alhiero auf dem Markt auf einer … Nachtwache Joannes Francke erstochen worden.
Q: Stadtarchiv Fritzlar, Memorialbuch

Das Aquarell von Gustav Gerlach aus dem Jahr 1855 trägt den Titel: „Das gestörte nächtliche Ständchen“. Es zeigt den Angriff zweier Männer auf einen sich verteidigenden Mann vor dem Tor zur Kurie in der Fischgasse. Während die Musiker fliehen, nähern sich im Hintergrund Ordnungshüter. Q: Liebenswertes Fritzlar, S. 77f
Aber den Menschen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geschah noch viel Schlimmeres in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Ich möchte zum Schluss kommen und mit einem Zitat enden, das mich, seit ich es das erste Mal gelesen habe, tief beeindruckt hat. Es stammt von Dechant Wilhelm Jestädt, einem standfesten und überzeugten Katholiken, der in seiner Festschrift zur 1200-Jahrfeier der Stadt Fritzlar zum Epitaph des Hermann von Hankrat folgendes schrieb:

„Im Kreuzgang des Domes zu Fritzlar steht eine Kreuzigungsgruppe in Hochrelief. Aus stürmischer Zeit herausgewachsen, steht alles im Zeichen des Sturmes. Das große Lendentuch des Heilandes, die Haare von Maria und Johannes, ihre Gewänder, alles weht und flattert im Sturm. Das feine Geäder des Herrn, das wie kleine Bächlein über den Körper hinrieselt, ist mit Blut überfüllt. Der Sturm der Schmerzen peitscht es durch die zahllosen Rinnsale dahin. Und Sturm der Erregung und des Mitleids schwellt die Adern von Maria und Johannes. Alles ist Sturm. Nein, nicht alles. Des Heilands Haupt ist geneigt in Ruhe und Friede. Sturm und Ruhe nach dem Sturm. So sei die Kreuzigungsgruppe für uns Symbol. Altes und Neues, Katholizismus und Protestantismus, haben in diesen Zeiten lange, schwer und blutig miteinander gerungen. Schweres haben sie beide gelitten. Es war Sturm. Doch jetzt mögen sich die Gegner unter dieser Kreuzigungsgruppe versöhnend die Hände zum Frieden reichen. Ruhe nach dem Sturm.“
Der Titel meines Vortrages begann mit den Worten „Stürmische Zeiten“ – In stürmischen Zeiten bewegen wir uns heute wieder. Hauptsache ist, wir bekommen sie bewältigt!
Clemens Lohmann
Fritzlar, 19. April 2026